Salzburger Festspiele 2026: The Living Archive

26.06.2026

Vier spektakuläre Projekte des Salzburger Festspielarchivs

Gerfried Stocker, Margarethe Lasinger und Claudia Lehmann (c) SF Jan Friese
Gerfried Stocker, Margarethe Lasinger und Claudia Lehmann

Vier ungewöhnliche Projekte des Salzburger Festspielarchivs wollen in diesem Sommer beweisen, dass sich hinter vermeintlich papierener Materie und metallenen Archivschränken vielgestaltige Schätze verbergen, die ertastet, erfühlt und mit Aug und Ohr enträtselt werden wollen – und zwar unter anderem mit Hilfe von XR-Technologie (Extended Reality).

 

Möglich wird das bei einem geführten Rundgang durch das Living Archive, das zwischen 18. und 29. August in den Räumlichkeiten des UMAK-Gebäudes (Universität Mozarteum am Kurgarten) und im dort neu eingerichteten X-Reality Lab zu erleben ist, und zwar dank einer Kooperation mit Ars Electronica sowie dem Institut für Open Arts der Universität Mozarteum.

 

Schon in den vergangenen Saisonen wurden die Schätze aus der Festspiel-Historie in vielfältigen Projekten sichtbar gemacht. Im Festspielsommer 2026 folgt nun die Ausrichtung eines eigenen Archiv-Festivals, das sich mit der Archivierung von künstlerischen (performativen) Aktionen befasst und neue Formate eines lebendigen Archivs präsentiert.

 

Ausgangspunkt sind die beiden im Kontext der Salzburger Festspiele entstandenen Projekte des S+T+ARTS* Ec(h)o Residencies Programme 2025/26 sowie das 2024 im Festspielarchiv begonnene Erinnerungsbüro, die nun der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dazu gesellt sich die Wiederaufnahme der 2023 mit Ars Electronica realisierten FAUST-VR-Experience. Alle vier Projekte sind in einem etwa zweistündigen, geführten Rundgang im UMAK zu erleben. Damit ist auch der Auftakt zu einer Kooperation mit der Universität Mozarteum gemacht, die in den kommenden Jahren im Rahmen der Staging Realities-Projekte des Instituts für Open Arts weitergeführt werden soll.

 

Erinnerungsbüro

Für dieses Projekt luden die Salzburger Festspiele Mats Staub – einen Reisenden und Sammler in Sachen Erinnerung – ein, sein Erinnerungsbüro im Festspielarchiv einzurichten. In dem speziell für Salzburg entwickelten Projekt stehen die Berichte langjähriger Festspielgäste im Fokus; somit wird das Publikum sichtbar, werden Festspiel-Rituale beleuchtet und Zeitenwenden sowie einschneidende Erlebnisse bildlich und vielstimmig spürbar. Die Mitwirkenden – Festspielgäste unterschiedlichsten Alters – nahmen auf alten Stühlen aus dem Festspielhaus vor Kamera und Mikrofon Platz und versuchten das Erleben vergangener Festspielmomente zu erinnern: bewegende Aufführungen, erschütternde Klänge, die vor ihrem inneren Ohr wachgerufen wurden, oder auch das innige Zusammensein mit einem geliebten Menschen.

Die berührenden Audio- und Videoaufnahmen, die im Erinnerungsbüro aufgezeichnet wurden, sind beim Rundgang im UMAK in einer Videoinstallation sowohl mimisch und gestisch erfahrbar und parallel dazu in verdichteten Erzählungen hörbar. Daraus entsteht ein – immer weiter zu ergänzendes – Archiv ganz subjektiver Festspielerlebnisse: ein Erinnerungsarchiv. „Mir geht es darum, in die Tiefe zu kommen – und in die Gegenwart. Für mich hat Erinnerung sehr viel mit der Gegenwart zu tun“, sagt Mats Staub, „weil es eigentlich immer darum geht, was macht das mit mir im Heute.“

 

Archiv der Tasterfahrungen

Auf einer zweiten Station des Living Archive-Rundgangs trifft man auf Kostüme und Requisiten aus Produktionen der Festspielgeschichte: auf das Kostüm der Marschallin aus dem Rosenkavalier von 1960 etwa oder das kunterbunte Fahrrad des Papageno aus Achim Freyers märchenhafter Zauberflöte … Allerdings sind diese nicht auf Stoffpuppen oder Podesten dramatisch drapiert und in Szene gesetzt, sondern sie können anhand digitaler Modelle und mithilfe von Controllern virtuell ertastet und durch taktile Beschreibungen hörend erkundet werden. Iz Paehr hat das Projekt Archive of Touch im Rahmen eines Residency-Programms der EU* anhand von fotogrammetrischen Digitalisaten von ausgewählten historischen Kostümen und Requisiten entwickelt. – Die 3D-Modelle wurden wiederum durch die Förderung Kulturerbe digital des BMWKMS ermöglicht.

„Unser gesellschaftlicher Umgang mit kulturellem Erbe wird von einem Satz geprägt: Anschauen, nicht berühren. Dabei geht vieles verloren: der Widerstand eines Stoffes, die Geräusche des Materials“, erläutert Iz Paehr – und macht Objekte deshalb multisensorisch erfahrbar: durch Vibrationen, durch Berührungsgeräusche, durch Beschreibungen. Dazu animierte sie „das Tastwissen behinderter Menschen“, die oftmals durch die Fokussierung neuer Technologien auf Visuelles von bestimmten sinnlichen Erfahrungen ausgeschlossen sind.

Neben virtuellen Modellen stehen zudem klassische analoge (replizierte) Objekte aus dem Fundus zum Anfassen bereit: ein blitzblauer Vogelkäfig, eine dornige Rose, eine mit Federn besetzte, hölzerne Flöte …

 

Digitale Verschmelzungen

 

Zum Ertasten und Erkunden von Oberflächen lädt auch ein Garden of Objects ein, der in einem weiteren Raum des UMAK-Gebäudes erblüht. In diesem finden sich aber keine Requisiten aus Festspielproduktionen, sondern 3D-Duplikate von geologischen Miniatur-Mustern aus dem Mönchsbergkonglomerat, Abdrucke vom Felsen, in den die Felsenreitschularkaden gehauen wurden. Merve Sahin erkundet in ihrem architekturhistorischen Projekt Merging Visions, das ebenfalls im Rahmen des Residency-Programms der EU* entstand, den ständigen Wandel sowie die Verflechtung von Natur- und Kulturlandschaft und wie sich dies im Festspielhaus-Komplex exemplarisch darstellt.

 

Sie legt mithilfe von digital animierten Bauplänen, Filmstills, 3D-Scans und Artefakten aus dem Archiv in einem „visual essay“ historische, kulturelle und ökologische Schichten frei – und „untersucht die Entwicklung der Theatergebäude und ihre Beziehung zu dem Berg, in den sie gebaut sind. Skizzen des Architekten Clemens Holzmeister zeigen“, so sagt sie, „dass das Gebäude als Fortsetzung der natürlichen Umgebung und des Berges betrachtet wird. Die Stadt geht in die Natur über und umgekehrt. Die Theaterräume fungieren dabei als Schnittstelle zwischen Stadt und Berg.“ Im zweiten Teil ihrer Arbeit entführt Merve Sahin in eine VR-Experience, die es ermöglicht, in den Mönchsberg einzutauchen, durch die Gesteinsformationen zu wandeln, die Einschreibungen der Theaterbauten zu erspüren und Simulationen von menschlichen Bewegungen in und um die Festspielhäuser zu beobachten.

 

FAUST-VR im X-Reality Lab

Realisiert und visualisiert werden die VR-Applikationen im neu eingerichteten X-Reality Lab der Universität Mozarteum am neuen Digital-Campus Kurgarten (UMAK): ein hochmoderner, immersiver Experimentierraum für performative Kunst und Forschung, für dessen Realisierung Christopher Lindinger (Professor für Kunst und Digitalität am Mozarteum) maßgeblich verantwortlich zeichnet. Durch eine Kooperation mit dem Institut für Open Arts am Mozarteum ist es dem Festspielarchiv möglich, diesen Raum zu bespielen. Technische Unterstützung kommt vom Ars Electronica Futurelab, mit dem bereits 2023 ein zukunftweisendes Festspielarchiv-Projekt entstanden ist: die Faust-VR, die nun – an die außerordentlichen Gegebenheiten im X-Reality Lab adaptiert – ebenfalls bei dem geführten Rundgang wieder zu erleben ist. Darin wird die berühmte Faust-Stadt von Clemens Holzmeister, die er Max Reinhardt 1933 für seine Faust-Inszenierung in die Felsenreitschule baute, zu neuem Leben erweckt und in überwältigende dreidimensionale Bilder und Klang überführt.

 

Gerfried Stocker, Künstlerische Leitung und Co-Geschäftsführer von Ars Electronica: „Die Partnerschaft mit dem Salzburger Festspielarchiv bringt eine neue und äußerst spannende Dynamik in die aktuellen Bemühungen um die Digitalisierung kulturrelevanter Archive. Standen bisher vor allem Fragen der digitalen Speicherung, Erschließung und Zugänglichkeit im Mittelpunkt, erweitert sich der Blick nun auf eine ebenso zentrale wie zukunftsweisende Herausforderung: Wie können Archive selbst zu lebendigen Akteuren kultureller Gegenwart werden? Die entstandenen Projekte und Prototypen zeigen, wie den wertvollen Artefakten der Vergangenheit durch künstlerische Intervention neues Leben eingehaucht werden kann, wie historische Bestände durch Inszenierung neu erschlossen werden und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit so zu einem aktiven Element der Gestaltung unserer Gegenwart wird. Die Partnerschaft lenkt den Blick auf das Archiv nicht als Endpunkt kultureller Produktion, sondern als Ausgangspunkt neuer Prozesse des Forschens, Erzählens und Innovierens. So werden Archive zu lebendigen Wissensräumen, in denen die Erkenntnisse der Vergangenheit nicht nur bewahrt, sondern auch als Ressource für die Zukunft nutzbar gemacht werden.“

Claudia Lehmann, Leitung Institut für Open Arts an der Universität Mozarteum: „Wir leben in einer Zeit radikaler Transformationen, in der sich technologische, gesellschaftliche und kulturelle Dynamiken gegenseitig durchdringen und neue Realitäten hervorbringen. Diese Entwicklungen fordern uns nicht nur heraus, sondern eröffnen zugleich die Möglichkeit, bestehende Denk- und Wahrnehmungsräume grundlegend zu verschieben und Zukunft aktiv zu gestalten. Mit unseren Initiativen, u.a. dem Masterstudiengang Immersive Arts and Digital Narratives, dem XRLab als experimentellem Forschungsraum sowie dem Festival Staging Realities, verstehen wir uns als Teil dieses Prozesses; hier sollen neue Formen des Erzählens, Wahrnehmens und Zusammenkommens erprobt werden. Die Kooperation mit dem Festspielarchiv markiert dabei einen entscheidenden nächsten Schritt.“

Margarethe Lasinger, Leitung Archiv der Salzburger Festspiele & Künstlerische Leitung Living Archive: „Im Gegensatz zum klassischen Archiv, in dem das Vergangene nach bestimmten Ordnungsstrukturen klassifiziert wird, versteht sich das Living Archive als eines, das Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überwindet und die Bestände in anderen Kontexten miteinander in Beziehung bringt. Dadurch können neue Wahrnehmungsweisen entdeckt, aber auch neue Quellen und Orte des Erinnerns erschlossen werden: hörend, sehend, tastend, fühlend. Die Fokussierung auf ein lebendiges Archiv zielt auf die Einbeziehung künstlerischer und kuratorischer Projekte, die zu einem soziokulturellen Diskurs beitragen, die Dynamik gesellschaftlicher Debatten mit einschließen und Teilhabe ermöglichen.“

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